Aber ich bin doch mit der Tafel verheiratet

Umstellung ist eine Untertreibung für das, was ich mit mir machen müsste. Was ich machen muss. Bin ich dazu überhaupt in der Lage? Einfach die Kreide aus dem Fenster schmeiBen oder was? Es wird sehr unbequem, meine derzeitigen Gewohnheiten alle zu überdenken. Wer hilft mir an meiner Schule dabei? Vielleicht höre ich mehr auf die Schüler? Oder sollte ich einfach mal runterkommen und alles kühl überdenken, bin ich noch zu voll von frischen Eindrücken? Denn, nach dem gestrigen Tag sage ich: Ich sehe schon die Notwendigkeit mehr zu digitalisieren, ja! Wo war denn diese Einsicht all die Jahre? Und wie könnte ich das richtige MaB finden, schlägt das ,,digitale Pendel“ in meinem Kopf gerade zu extrem aus? Kracht es morgen deswegen um so extremer rein in irgend so ein analoges Mauerwerk, das Kollegen und Schüler um einen digital zu aktionistischen Lehrer errichten?

Das klassische Tafelbild: Droht der Tod durch Digitalisierung?

Ich glaube, in der realen Welt wird alles aber halb so wild. Hierzu passt der Ausspruch gestern: Die Werkzeuge an sich, die wir kennenlernen, sind egal. Sie sind manchmal sehr kurzlebig in der digitalen schnellen Welt. Wichtig ist das, was wir mit den digitalen Werkzeugen, Spielzeugen, Sprachrohren anstellen, dass wir unsere Schüler zu ,,digital mündigen Bürgern“ des – wie sagten wir? – 22. Jahrhunderts machen. Des 22. Jahrhunderts… Ja, so hieB es gestern.

Was das für meinen Unterricht konkret bedeutet? Mir und vielen Kollegen an unserer Schule geht es ja vor allem darum, die Sprache Deutsch zu fördern. Ich muss für Geschichte viele Methoden umdenken, sie überarbeiten, selber wieder neugierig werden, insbesondere was den Anspruch der MeinungsäuBerung in unserer politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen sowie kulturellen Realität derzeit betrifft. Bei all dem muss und wird es auch immer klassisch zugehen in meinen Klassenzimmern. Wenn es um den Anspruch von vernünftigem Argumentieren geht, dann benutzt man mitlerweile in der digitalen Welt das zumeist maximal lauteste und weitreichendste Sprachrohr. Die Lenker der Welt leben es vor. Angesichts dessen fragt man sich, ob nicht eine gute Message auf diese Lautstärke, auf die digitale Amplifikation, manchmal auch verzichten kann, dies viellicht sogar muss. Dafür müssen Botschaften vielleicht schlichtweg gut und richtig genug sein. Dann schaffen sie es von alleine. Oder nicht?

Was in der digitalen Welt heutzutage zu fehlen scheint, sind die wirklich wichtigen und guten Posts, ob im Klassenzimmer oder in den Nachrichten-Backchannels. Wer hat heutzutage noch Lust, längere Texte zu lesen, wer erkennt die Notwendigkeit, Nachrichten aus seriösen und unterschiedlichen Quellen zu sichten in Zeiten von Kurznachrichtendiensten, Filterblasen und Tagesschau in 100 Sekunden? Gestern wurde gesagt, man könnte hier maximal einen Absatz posten. Der Rest würde keine ,,Likes” bringen.

Geht es wirklich darum, ja? Um ,,liken” und ,,geliked-werden”? Der neue ewige Kreislauf der digitalen Glückseligkeit? Der Kampf der digitalen Welt und der analogen in mir beunruhigt mich und macht mich arbeitswütig, wühlt mich auf, denn mein Unterricht wird in der Zukunft mehr digital sein, aber immer auch klassisch. Mit Tafel und Kreide, auch wenn das manchmal quietscht.

Die Tafel: Rettung in Zeiten digitaler Zensur und Filterblasen? Im Falle eines Zeitzeugeniniterviews über die derzeitige Lage in Venezuela hat es geholfen.

Ein kleines Beispiel für diesen Mix aus Digitalem und Analogem zum Schluss: Wer den Sozialismus der DDR unterrichtet und einen Menschen kennt, der derzeit sagen wir mal in Caracas die Hyperinflation am eigenen Leib erlebt, der hat vielleicht Lust, diesen Menschen per Skype oder Whats-App über Videotelefonie mit seinen Schülern zu kontaktieren. Ein Zeitzeugeninterview in der Gegenwart. Was kann es Spannenderes für Schüler geben, als Begriffskonzepte wie Sozialismus und Inflation in der aktuellen Welt zu vernetzen?

Das Problem bei diesem Unternehmen war, dass Venezuelas Internet derzeit nicht stark genug für diese Art der zeitgemäBen Kommunikation ist. Plötzlich wird dieses technische Problem zum Thema im Geschichte-Unterricht. Wo liegen die Schwächen der Digitalisierung in der echten Welt? Manipuliert jemand das Internet? Wie die US-Wahlen? Oder ist das alles Quatsch aus Zeiten des um sich greifenden Populismus überall, hat das Internet gar keine regional bedingten seltsamen Anomalien manchmal, wenn es um kritische Themen und authentische Darstellungen geht.

Die analoge Welt kann in solchen Fällen manchmal helfen: Einfach alle Fragen auf die Tafel schreiben, Fotos machen, eine Email schreiben. Selber. Gemeinsam eine Strategie finden wie Früher, um unser Anliegen zu äuBern. Kreativ handeln wie manche Menschen derzeit in den Krisenländern der Welt. Echte Botschaften werden sich durchkämpfen, müssen sich durchkämpfen können. Im Klassenzimmer bedeutet das für mich: Die Mischung machts.

Einige Zeit nach unserem Tafelbildfoto erhielten wir zwölf kurze Sprachnachrichten per Whats-App.

3 Comments
  1. Ich halte es für sehr wichtig, möglichst viele Verbündete zu suchen, denn allein werden wir nicht viel erreichen. Die Schülerunterstützung wird allein nicht ausreichen.

  2. Prima Beispiel für Blended Learning, oder? Man muss sich zu helfen wissen und dazu ist es sicherlich gut, mehrere Methoden zu kennen. Klingt nach einem spannenden Unterrichtsbeispiel!

  3. Ich finde, du hast es auf den Punkt gebracht: Die Mischung macht es aus. Radikalismus ist nie gut, es kommt auf ein gesundes Gleichgewicht drauf an.

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